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Dr. Know-How weiß wie's geht

Ein Lächeln auf dem Gesicht

 Johannes Braig (Show-Room Ravensburg), Laudatio zur Vernissage im Museum im Kornhaus Bad Waldsee, 2019

 

Thomas Volkwein nennt seine Ausstellung „Ein Lächeln auf dem Gesicht“. Dieser Titel erscheint uns erst mal absolut eindeutig. Aber nach und nach stellen sich dann doch Fragen grundsätzlicher Art ein. Welches Lächeln meint der Künstler denn nun? Erstens: das des Betrachters beim Betrachten seiner Bilder?

Oder zweitens: das der Gesichter in seinen Malereien?

Oder drittens: handelt es sich um ein grundsätzliches Lächeln?

Lächeln – sozusagen als Haltung?

Volkwein legt sich nicht fest und diese uneindeutig eindeutigen Aussagen durchziehen sein gesamtes Werk und geben ihm die erstaunliche Spannung. (...)

Volkwein versteht es raffiniert, seinen Bildideen eine enorme malerische Intensität zu geben. Jeder Quadratzentimeter Fläche seiner Malerei ist stark durchgearbeitet. Auf diese Art entwickeln seine Bilder eine enorme Dichte. In seinen großen Formaten kann man seine Begeisterung für das Medium Malerei besonders spüren. Lebendiger Gestaltungswille und eine fundamentale Sehnsucht nach dem Bild treten uns entgegen. Als Bildträger dienen traditionell auf Keilrahmen gespannte Maltuche. Schicht um Schicht ist die Malerei gesetzt: Mal wild gestisch, mal zurückhaltend zeichnerisch komponierend. So würde ich seine Malerei bis ungefähr 2010 beschreiben.

 Ab 2010 lässt sich dann noch ein weiteres Gestaltungsprinzip in – oder besser – auf den Bildern entdecken: Über und unter die Malerei schichtet er nun auch noch Collagematerial jeder erdenklicher Art. Dabei handelt es sich um teilweise selbst gebastelte Elemente aus Pappe oder PU-Schaum. Er verarbeitet Spielzeug aus der eigenen Jugend oder bedient sich vielleicht auch der Spielsachen aus dem Spielzimmer seiner Söhne. Da lässt sich doch allerhand Erstaunliches auf seinen Bildern entdecken. Teilweise stammt dieses Material auch aus seinen Performances, für die er Objekte als Bühnenelemente baut. Raumgreifend begegnen wir collagierten Paravents. Oder sollen es Schilde gegen Pfeile oder Gewehre sein? Solche Elemente finden dann auch Aufnahme in die Bilder.  Diese ab 2010 praktizierte Collagetechnik befördert seine Malerei in eine weitere Dimension.

Im ersten Moment wirkt seine Malerei vielleicht zufällig. Vor allem die großen Formate sind aber durchaus sehr komponiert. Der Bildraum wird zur Bühne. Auf diesen Bühnen begegnet uns ein Wechselspiel zwischen durchgeplanter Komposition und zufälliger Geste. Und diese Bühnen bieten den Raum für den Geschichtenerzähler Thomas Volkwein. 

Welche Geschichten will er uns mit seiner Malerei erzählen? Und wie kommt er zu diesen Geschichten? Dazu zwei Beispiele aus seinem reichen Fundus literarischer Quellen: Karl May, dieser geniale Schwindler, der sich seine Stoffe erträumt hat und so eine Realität erschuf, die uns teilweise echter erscheint als die Realität. Ihn hat Thomas Volkwein in seiner Jugend verschlungen und seine Geschichten von Indianern und Cowboys oder dem Orient aufgesogen. Eine weitere literarische Inspirationsquelle für ihn ist Joseph Conrad, jener polnisch-britische Abenteurer aus dem 19. Jahrhundert, der schon Ideengeber für Orson Wells Film „Herz der Finsternis“, Werner Herzogs Film „Aguirre, der Zorn Gottes“ oder Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ war. Diese literarischen Vorbilder durchdringen seine Kunst. Volkwein malt Abenteuergeschichten, Geschichten von Grenzerfahrungen. Er malt Geschichten wie Karl May oder Joseph Conrad sie erzählt hätten. Aber er malt sie nicht vordergründig illustrierend, sondern thematisch verdichtet.

Interessant erscheint mir in diesem Zusammenhang auch eine Einordnung seiner Malerei in den aktuellen Kunstkontext. Studiert hat er in den 90er Jahren. Das fiel in eine Zeit, in der die Malerei mal wieder für tot erklärt wurde. Gemalt wurde aber weiterhin! Und um 2000 kehrte die Malerei in den Kunstbetrieb verstärkt zurück. Was diesen neuen Schub Malerei unterscheidet zur Malerei der Jungen Wilden in den 80ern ist eine erzählerische Dimension. Künstlerkollegen wie Jonathan Meese, Daniel Richter oder Neo Rauch, um nur die Bekanntesten zu nennen, suchten wieder nach Inhalten für die Malerei. Dieses Bedürfnis sehe ich auch in Thomas Volkweins Bildern. Wenn wir vor seinen Malereien stehen, kommt uns eine Flut an Assoziationen und Verbindungen in den Sinn. Wir treten in diese Bildwelten ein, lassen uns auf seine Geschichten ein und wandern durch die Bilder. Dazu ein sehr passendes Zitat: „In unserer Epoche stellt sich der Künstler aus dem Angebot an Überlieferungen seine persönlichen Bezugsfelder zusammen, die dann nicht selten einen erhellenden Geschichtskommentar abgeben.“ Es stammt von Werner Hofmann, österreichischer Kunstwissenschaftler und langjähriger Leiter der Hamburger Kunsthalle. (...)

Volkwein spielt mit ikonografischen Standards und fordert die Betrachter vor seinen Bildern. Gepaart mit seiner wuchtigen Malerei, in der vielleicht auch der barocke Übermut und Gestaltungsdrang der Region Oberschwaben durchschlägt, kommt uns in Thomas Volkwein eine starke und spannende künstlerische Persönlichkeit entgegen. Er fasziniert uns mit seiner Phantasie und nimmt uns im besten Fall mit in seine Gegenwelt.

Meine Einführung möchte ich mit einem weiteren Zitat von Werner Hofmann beenden: „Das Phantastische ist der Gegenentwurf zur Norm, zum Gekannten und Bewußten. Aber all das, wozu es Antipode sein will, gehört notwendig zu seinem Wesen, denn das Phantastische lebt von der Abweichung, vom Tabubruch, von der Ausschweifung und dem Regelverstoß. In dieser Widersprüchlichkeit ist das Unvereinbare miteinander verschmolzen, aber es braucht die Wirklichkeit, um verstanden zu werden.“

 Alles ist offen sichtbar

Jochen Buchholz, Katalog zur Ausstellung Nachts, wenn die Kinder schlafen, Galerie im Oberlichtsaal, Sindelfingen, 2008

 

Die Aufrichtung vor dem Bild durch das Bild:  

Je tiefer die Sinne der Betrachter in ein Kunstwerk hineingreifen, desto reichhaltiger muss auch der Lohn sein. Dass das Verlangen nach sinnlicher Befriedigung kein blasses Ideal bleibt, sondern mit prallem Erleben belohnt wird, verdankt sich der Malerei Thomas Volkweins. Von Grund auf so durchgearbeitete Malerei ist nicht überall anzutreffen. Dieser Umstand wird erst vor einem gemalten Bild deutlich, das diesbezüglich Mängel aufweist. Umso mehr ist die hier in Abbildungen versammelte Kunst zu begrüßen, unter anderem auch, weil darin alle wünschenswerten Komponenten in diesem Sinn

zusammentreffen. Abgesehen von der ureigenen Erscheinungsweise dieser Malerei, deren sinnliche Erfüllung Thomas Volkweins Werk bedeutet, treibt sie das Sehen an die Grenze analytischer Reflexion, wo sie befragt werden möchte und sich der Analyse doch versagt. Da sein Werk dessen ungeachtet einem lustbetonten Sehen und einem verlangenden Betrachten Richtung und Ziel gibt, lässt es auch die Abwesenheit dieser gerichteten Sinnlichkeit anderswo deutlich hervortreten – aber es kann eine Wiedergutmachung leisten. Vermöge einer satten Erscheinungsweise als Werk auf einem breiten malerischen Sockel weist es über sich hinaus, indem es insgesamt die Möglichkeit belegt, dass Konsequenz entweder nicht ins Leere läuft, oder dass Konsequenz einen Sinn erhält. Sein Werk tröstet und hilft über anderswo auftretende Mängel hinweg. 

Der Maler Thomas Volkwein schöpft in seinen Bildern aus einem Fundus, der randvoll mit handwerklichem Können und der neuen Sprache der Zeit angefüllt ist. Sein Werk weist die sehr seltene Kombination aus unglaublich sicherer, gewandter Zeichnung und bis an die Grenzen dieser Gewandtheit reichenden Malerei auf. Gerade in den großformatigen Bildern, die in ihrem Duktus die von der Zeichnung empfangenen Prägungen zulassen und so die Gratwanderung zwischen der Wildheit des breiten Pinselauftrags und der Disziplin des eleganten Strichs meistern, erfüllen wesentlich den absolut malerischen Anspruch, den sie durch ihr Format, durch ihre Inhalte und durch die Komposition an sich selbst richten. 

 

Das Zugleich des Nacheinanders: 

Sowohl Bilder als auch Zeichnungen sind spannende Erzählungen. Indessen erzählen sie nicht zuerst ihre Inhalte sondern die Fassung ihrer Inhalte in die Form eines Ausdrucks. Das geschieht nicht linear. Der „wesentlich absolut malerische Anspruch“ setzt literarische Dramatik außer Kraft und fasst sie in ein anderes Medium der bildhaften Zeitlosigkeit, bei dem das Erleben der Inhalte dieser Malerei aus der Versenkung in die Fläche hervorgeht, die ihre Komponenten dem Auge zugleich darbietet. Es gelingt nicht, die Wirkung eines der Elemente der Bilder isoliert, einzeln oder nacheinander zu betrachten. Alle Einzelheiten sind als Einzelheiten nicht fassbar und werden belebt und bewegt durch den breiten Eindruck der Gesamtheit, die den synoptischen Erzählungen der Altarbilder der Gotik gleicht. Was in Volkweins Bildern identifizierbar ist, Tiere, Gegenstände, Figuren bleibt eben nicht allein bei der dramatisch-berichtenden Aufzählung. Die einzelnen Elemente, soweit sie überhaupt benennbar sind, treten bei ihrer sprachlichen Erwähnung und Benennung weit hinter der zweiten Möglichkeit, die diese Bilder bieten, zurück. Es ist besser, sie in ihrer emotionalen Eindringlichkeit wirken zu lassen, um ihre wahre Geschichte zu hören, weitaus besser, als sie zu deuten. 

Es wird also keine Handlung erzählt. Die eigentliche Geschichte ist jedes Mal die Geschichte, wie Inhalte, sobald sie eine Form als Figur oder Bildgegenstand gefunden haben, miteinander Korrespondieren. Dieser nur im Bild zu führende Dialog der Einzelmotive wird zu einem einzigartigen Ereignis und kann nicht durch etwas Anderes, durch einen Film, einen Roman etwa, ersetzt werden. Es wäre töricht, den bildhaften Dialog in Sprache nacherzählen, die Bilder etwa interpretieren zu wollen, wenngleich der Reiz, dies zu tun, groß ist. Aber die visuelle Präsenz, ja die Pracht, in der allein schon eine Zeichnung erscheint, übertrifft an sinnlicher Kraft alle an sie gerichteten Auslegungsvarianten.

 

Die neue Sprache der Zeit: 

Alle kulturellen Ereignisse (bewegte oder stehende Bilder, gesprochene oder geschriebene Sprache, human geformte oder technisch geprägte Ästhetik) wirken aufeinander ein. Je näher sie beieinanderliegen, desto stärker die Wirkung. Im Fall eines kulturellen Ereignisses mit bestimmten Attributen (digital oder analog, privat oder öffentlich, historisch oder vermutet, notwenig oder herbeigeredet), ist die Instanz ihrer Aufzeichnungsmedien (sowohl Nervenzelle als auch Chipsatz) hybrid gekreuzt. Spätestens nach dem Durchblättern dieses Katalogs wird begreiflich, dass alle Ereignisse, die durch die Aufzeichnungsmedien registriert werden, auch Ereignisse der Kunst sein können.

Ganz gleich ob als Schrift, als Bild oder als akustische Form - die kulturellen Ereignisse werden nur halb wahrgenommen und sie schlüpfen aus dem Kreis unserer Wahrnehmung, sobald der Griff des analytischen Denkens nach ihnen erfolgt. Sie bleiben dann weder bewusster Gegenstand der Erinnerung noch werden auch sie restlos vergessen. Die Fluktuation solcher Ereignisse ist ungeheuer groß und sieht chaotisch aus. Doch trotz dieser scheinbar ungeordneten Bewegung bilden sich manchmal Gestalten aus ihnen hervor, die unter günstigen Umständen direkter wahrgenommen werden, manchmal sozusagen aus den Augenwinkeln sogar besser. 

Weil die modernen Mythen keinen Ursprungsort mehr haben, sondern sich wandelnd um den Globus kreisen, erhalten sie, wenn ihre flüchtigen Gestalten in Thomas Volkweins Kunst eingefangen werden, konkrete Formen. Die Aura kommensurabler Anschaulichkeit, das heißt, mehr oder weniger den Ausdruck allgemeinerer, typushafter, nicht individueller Formen bewahrt ihnen auf ganz eigene Weise dieses Werk. Insofern sind diese Arbeiten alles andere als verschlüsselt. Sie sind transparent für den täglichen Durchlauf der Bilder dieser Gestalten durch unsere Wahrnehmung. Damit bieten sie natürlich auch den Ansatz zur Reflexion. Andererseits aber gewinnen sie ihnen den altruistischen Aspekt der traumhaften Bewältigung hinzu, der ihnen durch ihre Ortlosigkeit mangelt, so isoliert, so unausweichlich und so unzusammenhängend, wie sie dargeboten werden und auf uns einprasseln. Die unerschöpfliche Bilderflut unserer Gegenwart enthält in der von Thomas Volkwein gemalten Entsprechung – trotz ihrer zum Teil aggressiven Farbigkeit – ihr gegenüber das Angebot einer individuellen Lösungsmöglichkeit. Die kreisenden Ereignisse können nach ihrem exemplarischen Erscheinen in dieser Bildwelt losgelassen werden und sie gleiten fließend in den großen, unendlich weiten Hintergrund des Unbewussten zurück.